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Einer der ersten Kunden

Einer der ersten 10/50 PS Steigerwagen wurde an den Zuckerfabrikanten Wilhelm Bossert in Ulm verkauft und das kam so: Wilhelm Bosserts Sohn Walter sah den Steiger-Prototyp in Ulm am Hauptbahnhof. Der 14-jährige war von dem Fahrzeug mehr als begeistert. Als der junge Walter Bossert nach Hause kam, wollte er unbedingt, daß seine Eltern sich das Auto ansehen. Die Familie einigte sich am schulfreien Mittwochnachmittag mit dem Chauffeur und ihrem Untertürkheimer Auto nach Burgrieden zu fahren. Walter Bosserts Vater hatte keinen Führerschein, deshalb fuhr ein Chauffeur.

Nach einer Probefahrt auf dem Prototyp und dem Vergleich mit dem eigenen Fahrzeug, stand es fest -  ein Steiger mußte her!

Im Februar 1920 wurde das Fahrzeug mit der Seriennummer 504 an Wilhelm Bossert ausgeliefert. Die Leitung des Steigerwerks wollte die ersten Kunden nicht mit möglichen Kinderkrankheiten verunsichern, deshalb wurde die Produktion mit der Serienummer 500 begonnen. Das Chassis (Fahrgestell mit technischen Aufbauten und Sitzen) mußte zunächst zum Karosserieren an die Firma Auer nach Stuttgart gegeben werden. Als das Steiger-Fahrzeug vom Blech-Schneider zurückkam, war Paul Henze entsetzt, wie ein Karosseriebauer ein solch schönes Fahrzeug verschandeln konnte; es wurde reklamiert und abgeändert

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Da in der Familie Bossert niemand eine Fahrerlaubnis hatte, durfte der 14-jährige Walter unter der Aufsicht des Chauffeurs fahren.

Regelmäßig wurden in der Zuckerfabrik des Vaters die Dampfkesselanlagen durch den technischen Überwachungsverein aus Stuttgart geprüft. Walter mußte den Prüfer öfters zum Bahnhof oder zu den nächsten Prüfstellen fahren. An einem stürmischen Wintertag im Dezember 1920 chauffierte er den Prüfer bei schlechten Straßenverhältnissen sicher nach Oberdischingen. Wie sich Walter Bossert erinnerte, bekam er den Führerschein vier Wochen später ohne weitere Prüfung.

Walter Bossert besaß den Führerschein 74 Jahre lang. Außer geringen Blechschäden ist nie etwas größeres passiert. Ich durfte Walter Bossert gleich zu Beginn meiner Recherchearbeit kennenlernen. Seit Sommer 1990 hatte sich zwischen uns ein sehr freundschaftliches Verhältnis entwickelt, trotz 64 jährigem Altersunterschied. Walter Bossert hat mir durch seine abenteuerlichen Berichte vom Steigerwagen und seiner Autofahrerzeit sehr geholfen und maßgeblich zu dieser Chronik beigetragen. Ein Besuch bei Walter Bossert und seiner Frau Hanne war stets mit Neuigkeiten verbunden, wir unterhielten uns immer über Steiger und die Automobilgeschichte. Sogar im Alter von 87 Jahren hatte Walter Bossert den Mut, einen Sportwagen mit 193 PS zu kaufen und selbstverständlich auch zu fahren. Am 24. April 1994 verstarb Walter Bossert nach einer kurzen schweren Krankheit. Mit dem Tod von Walter Bossert ist ein Stück lebendiger Auto- und Steigergeschichte verstummt.

 

 

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